Amok in Graz

(c) Stephan Pfeifhofer - BORG Dreierschützengasse - Amoklauf Graz

Erst haderte ich anfangs mit der Titulierung zu diesem Beitrag. Ist die Begrifflichkeit „Amok“ genehm, gerechtfertigt, erträglich? Am Ende des Tages studieren wir alle die Journalien und TV-Nachrichten für unseren Medienkonsum. Um die Begrifflichkeit „Amok“ kommen wir zwangsläufig nicht umher.

Die Tragödie ist passiert. Eine Tragödie, die wir weder in dieser Tragweite noch überhaupt in Österreich, geschweige denn hier in der Steiermark an einer hiesigen Schule nur annähernd erwartet hätten. Vor fünf Tagen marschiert ein „Milch-Bubi“ in das BORG Dreierschützengasse und richtet ein verheerendes Blutbad an, das am Ende des Tages 10 Menschenleben forderte, mit dem Attentäter 11.

Schnell formiert die Politik Überlegungen zu einer neuen Form der Anlassgesetzgebung. Die Medien greifen nach jedem Strohhalm. Die Kronenzeitung beschreibt den Täter in ihrer heutigen Sonntagsausgabe als „Muttersöhnchen“, verhätschelt von der eigenen, alleinerziehenden Mutter, die offenbar nichts mitbekam, nichts bemerkte, wie sich ihr Sohn in eine eigene Welt begab, umringt von Waffen und einem Ziel: Töten.

Die Experten in den Interviews geben Antworten auf brennende Fragen. Schulen muss man sicherer machen, für Private soll ein generelles Waffenverbot herrschen, wie Elke Kahr (KPÖ), Grazer Bürgermeisterin, gegenüber der Kronenzeitung manifestiert.

Ein Grundsatz lautet: Wer sich eine Waffe kauft, hat damit etwas vor. Der Attentäter plante seine Tat über Monate akribisch. Auf Social Media soll er kurz vor seinem Amoklauf letzte Bilder gepostet haben. Das ringen nach Erklärungen ist groß. Hätte man diese Schreckenstat gar verhindern können?

Die panale Antwort lautet NEIN. Warum? Die Gesellschaft heute ist mehr denn je überfordert, geflutet von Reizen und Reizbarkeit. Zwischen Hass und Hetze, zwischen Egomanie und Ego-Shootern, bäumt sich der unerbitterte Kampf um das Ich sein auf. Volksschulkinder mit Smartphones, abgetaucht in Social Media. Eltern, die mit alle dem heilos überfordert sind. LehrerInnen, die mit all den Faccetten, die unsere Gesellschaft heute aufbietet, längst um Hilfe schreien. Zwischen alledem unterschiedliche Formen der Gewalt.

Der Drang nach dem Beherrschen einer Waffe, dem Identitätsfindungsprozess unserer Kinder, Welten die hier unweigerlich aufeinander prallen. In Wirklichkeit braucht niemand eine Waffe, niemand große Identitätsfindung, geschweige denn Gedanken darüber, wo gehöre ich hin. In einem Miteinander gehen Kinder Wege gemeinsam. Eltern bilden auch eine Vorbildwirkung. Kinder suchen Orientierung, und können sie finden. So zumindest war es früher. Heute ist Reizüberflutung am Smartphone in der Überzahl. In Kinderzimmer stehen Gaming PCs und Spielekonsolen. Streaming Dienste wie „Netflix“ zeigen Serien mit fragwürdigem Inhalt – zugeschnitten auf die Kindheit von heute.

Das klassische Familienbild ist Vergangenheit. Doch selbst das ist keine Rechtfertigung oder gar Entschuldigung für die Schreckenstat von Graz. Es sind und bleiben aber Mosaik-Steinchen, die man jetzt akribisch aneinander fügen könnte. Sie ergäben ein Bild. Das Bild wo unsere Gesellschaft, unsere Kinder heute stehen. Auf dünnem Eis. Umringt nach der Forderung für mehr Schulsozialarbeit und -psychologie. Während früher in einem Schulbezirk ein Schulpsychologe tätig war, bedarf es heute einem Dutzend an einer einzigen Schule.

Für die Politik ist der Fall klar: Aufweichen des Datenschutzes, gestrenges Waffengesetz, mehr Sicherheit an Schulen. Gesellschaftliche Verantwortungsübernahme fehl am Platz. Die Politik könnte es ändern, wie beispielsweise klare Grenzen bei Social Media – allen voran TikTok. Selbstfindung nach dem Amoklauf in Graz ist komplex, so wie eine umfassende Lösungsfindung unsere gesellschaftliche Situation betreffend.

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